Pflegende Angehörige sind schnell überlastet

Überforderung von pflegenden Angehörigen vermeiden, erkennen und bewältigen


Lesezeit: 20 Minuten

Überlastung in der Pflege wird schnell für die pflegenden Angehörigen zum gesundheitlichen Problem.
Überlastung in der Pflege wird schnell für die pflegenden Angehörigen zum gesundheitlichen Problem.

Sie pflegen einen Angehörigen und fühlen sich manchmal wie in einem Hamsterrad? Haben Sie sich die Pflege eines Angehörigen einfacher vorgestellt, oder einfach anders? Denken Sie, dass Ihr eigenes Leben zu kurz kommt? Sie haben schleichend selbst gesundheitliche Probleme bekommen, fühlen sich ausgebrannt?

Wer einen anderen pflegen will oder muss und das gut, verantwortungsvoll und mit Herz tun will, der muss zunächst sich selbst gut pflegen. Auf seine eigene Gesundheit achten und seine Belastungsgrenzen abstecken. Sonst wirkt sich das schnell auf die gesamte Lebenssituation und die Pflege aus. Leidet der pflegende Angehörige, richtet das großen Schaden an – bei der Pflegeperson und dem Plegebedürftigen. Unabhängig vom Alter des pflegenden Angehörigen. Die Erfahrung zeigt, dass auch jüngere Pflegepersonen ebenso schnell in die Überlastung geraten. Ihre körperlichen gesundheitlichen Probleme kommen später, der psychische Druck richtet aber ebenso schnell großen Schaden an. Vollkommen egal wen Sie pflegen, Ehepartner, Eltern, Großeltern oder andere Verwandte, wir zeigen Ihnen worauf Sie achten sollten um eine Überforderung zu erkennen, was Sie unternehmen können und welche Unterstützung Sie bekommen können, um den Kreislauf der Überlastung zu unterbrechen.

Selbst Pflegeprofis haben Grenzen

Selbst professionelle Pflegekräfte können nicht 24 Stunden, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr pflegen, ohne Erholungspausen, ausreichend Schlaf, Entlastung durch Kollegen, Urlaub und Pflege der eigenen Gesundheit. Wenn schon die Pflegeprofis nach 12 Tagen mit Schichten von „nur“ 6-8 Stunden sowohl die körperliche als auch geistige Erschöpfung oftmals deutlich wahrnehmen und ausreichend Erholung zur Wiederherstellung der Arbeitskraft benötigen, sollte niemand dem Irrglauben unterliegen die alleinige Pflege von Angehörigen wäre ohne jede Unterstützung über mehr als kurzfristige Zeiträume ohne Schaden möglich.

Bei der Pflege von Angehörigen hängen meistens die gesamte Verantwortung, Betreuung und Pflege an einer pflegenden Person, während professionelle Pflegekräfte in Schichten, Arbeitsteilung und Entlastung zum Beispiel durch Alltagsbegleiter und Betreuungskräfte arbeiten und in bestimmten Situationen Verantwortung auch an Vorgesetzte abgeben können.

Auswirkungen auf das eigene Leben werden häufig unterschätzt

Ob Lebenspartner, Kinder, Schwiegetochter oder Enkelkind, für alle Pflegepersonen kann die Pflege schnell zur Belastung werden, die alleine nicht mehr geleistet werden kann und schnell in eine Überlastungssituation führt. Die übernommene Verantwortung verändert, zum Teil radikal, das eigene Leben.

Bei vielen pflegenden Angehörigen entwickeln sich Überforderung und eigene gesundheitliche Probleme schleichend. Sie werden selten sofort wahrgenommen. Sie können Anzeichen vielfach nicht richtig und rechtzeitig erkennen. Meistens verändert sich im Laufe der Pflegetätigkeit auch der gesundheitliche Zustand des pflegebedürftigen Angehörigen so stark, dass die Pflege immer mehr Zeit beansprucht und immer mehr der eigenen Ressourcen verlangt. In den allermeisten Fällen geht das mit der schleichenden Aufgabe der gesamte Freizeit der Pflegepersonen einher. Vielen Menschen ist bei der Übernahme der Pflege auch der Zeitraum der Pflegedauer nicht bewusst. Statistisch liegt die Dauer der häuslichen Pflege bei rund 8 Jahren, je nach Erkrankungsbild. Einen so langen Zeitraum auf fast alles zu verzichten, darauf sind die meisten Pflegepersonen überhaupt nicht vorbereitet.

Fast immer werden von den Pflegenden zunehmend die eigenen sozialen Kontakte vernachlässigt. Die wachsende Zunahme der Aufgaben geht zu Lasten der eigenen Freizeit und Erholung kommt anfangs zu kurz, ist später viel zu oft gar nicht mehr möglich. Sogar der eigene Schlaf kommt zu kurz, obwohl er für die Regeneration der eigenen Kräfte unverzichtbar ist. Aufgaben werden verschoben bis der pflegebedürftige Angehörige zu Bett gebracht wurde, bis in die späten Abendstunden der Haushalt erledigt. Nächtliche Bedürfnisse des Pflegebedürftigen verschlechtern durch Unterbrechungen die Schlafqualität und die Dauer des Tiefschlafs. Das hat folgenschwere Auswirkungen auf die eigene körperliche und geistige Gesundheit und Leistungsfähigkeit.

Nur wer sich selbst pflegt, kann gut pflegen

Es nützt beiden nichts, wenn die Pflegeperson überlastet ist und selbst krank wird. Schutz vor Überforderung und Überlastung hat also oberste Priorität. Ausreichend Schlaf, eine gesunde Ernährung, eine gute Tagesplanung ohne Hektik und Stress, regelmäßige Erholung, Sport für die eigene Fitness sind wichtige Faktoren um selbst gesund zu bleiben. Aber auch die Seele braucht Erholung. Regelmäßige soziale Kontakte mit Freunden und Kultur dürfen nicht zu kurz kommen.

Self Care: Schutz der eigenen Kräfte

Bei allen Wünschen die man seinen pflegebedürftigen Liebsten erfüllt, bei allen Diensten die man für Sie erbringt, auch die Kräfte von Angehörigen oder nahestehenden Pflegepersonen sind nicht unerschöpflich – sie sind vielmehr begrenzt. Wenn Sie Angehörige pflegen – ob alleine oder mit Einbindung eines professionellen Pflegedienstes – ist es Gebot der ersten Stunde auch auf sich selbst und seine eigene Gesundheit zu achten. Wenn sie als pflegende Angehörige Hilfe und Unterstützung brauchen, sollten sie sich dies auch zugestehen und aktiv holen.

Zu den pflegenden Angehörigen im Sinne der Pflegeversicherung werden nicht nur Eltern, Geschwister, Kinder, Enkel, Onkel und Tante usw. gezählt. Auch Nachbarn, Freunde oder Bekannte können dazu gezählt werden, wenn sich die private Pflegeperson dazu moralisch verpflichtet fühlt.

Wie kann man eine Überforderung erkennen?

Eine Überforderung kann sich an vielen Anzeichen zeigen. Das Gefährliche ist, dass es Anzeichen gibt, die auch von Vorerkrankungen oder aus dem Arbeitsleben stammen könnten. Eine genaue Selbstbeoachtung ist äußerst wichtig. Einige der wichtigsten und bekanntesten Anzeichen sind:

  • Chronische Erschöpfung, Müdigkeit schon morgens beim Aufstehen
  • Anhaltende Schlafstörungen
  • Wiederkehrende oder anhaltende Muskelverspannungen
  • Starke Gereiztheit, plötzliche Wutanfälle
  • Aggressionen gegenüber dem Pflegebedürftigen oder anderen Menschen
  • Ausgeprägte Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation
  • Antriebslosigkeit
  • Ohnmachtsgefühle, Panikattacken, Verzweiflung
  • Rückzug aus dem sozialen Leben, von Freunden
  • Gefühle der Trauer, häufiges Weinen, scheinbar auch ohne äußeren Anlass
  • Körperliche Schmerzen, entweder ohne Zusammenhang zu akuten Verletzungen bzw. Erkrankungen oder die Verschlimmerung von Schmerzen bei vorhandenen Erkrankungen
  • Verschlimmerung von Symptomen vorhandener Vorerkrankungen
  • Anfälle von Verzweiflung, Panik
  • Kreislaufprobleme
  • Bauch-/Magenschmerzen
  • Störungen der Verdauung
  • Wiederkehrende Gefühle von Trauer, sich als Opfer oder Getriebener fühlen

Was kann man bei Anzeichen einer Überforderung unternehmen?

Egal ob Sie selbst pflegen und die Anzeichen bei sich beobachten oder Sie die Anzeichen bei einer pflegenden Person wahrnehmen: Die Beschwerden sollten nicht übergangen werden. Beobachten Sie Anzeichen bei Pflegenden, sprechen Sie sie darauf an. Nehmen Sie die Anzeichen bei sich selbst wahr oder werden angesprochen, gehen Sie nicht darüber hinweg. Gestehen Sie sich ein, dass etwas falsch läuft und Abhilfe geschaffen werden muss. Immer wieder unterschätzt als eine der ersten, aber auch wichtigsten Maßnahmen ist der Besuch beim eigenen Hausarzt. Er untersucht, ob es körperliche Grunderkrankungen gibt, welche die Symptome auslösen können und schätzt Ihre Belastungssituation ein.

Als weiteren Schritt sollten Sie einschätzen, ob Sie durch eine akute und vorübergehende Situation mit besonderer Belastung (wie nach Operationen bei dem Pflegebedürftigen) oder durch die gewachsene und anhaltende Situation in die Überforderung geraten sind.

Stehen Sie eine voraussichtlich in näherer Zeit vorübergehende außerordentliche Belastungssituation durch, fragen Sie bei anderen Angehörigen, Nachbarn oder anderen Menschen die ein gutes Verhältnis zur pflegebedürftigen Person haben nach Unterstützung. Sie können Ihnen kleinere Pausen im Alltag verschaffen, in denen Sie mal durchatmen – und vielleicht auch nur etwas Schlaf nachholen – können.

Stellen Sie fest, dass die Überforderung grundsätzlicher Ursache ist und die Belastung sich aus der dauerhaften Pflegesituation ergibt, bemühen Sie sich um weitere Unterstützung. Dann werden einige Momente des Durchatmens nicht ausreichen, um Ihre Belastung zu senken und Ihre eigene Lebensqualität wieder zu verbessern. Die Belastung muss dann dauerhaft anders verteilt werden. Prüfen Sie, wer bestimmte Aufgaben regelmäßig und zuverlässig übernehmen könnte und würde. Nachbarn mit Auto übernehmen vielleicht einmal wöchentlich den Transport schwerer Einkäufe und Getränke. Enkelkinder wissen vielleicht gar nicht, wie wichtig ihre Unterstützung wäre und übernehmen vielleicht ein- oder zweimal im Monat die Grundreinigung im Haushalt, bei den täglichen Aufgaben kann eine Assistenzkraft für Hauswirtschaft unterstützen. Während Sie sich Erholung verschaffen und Sport treiben, kulturelle Angebote wahrnehmen oder Ihrem Geist mit der Pflege der eigenen sozialen Kontakte eine Auszeit vom Stress gönnen, können Sie beispielsweise durch stundenweise Betreuung entlastet werden.

Beratung, professionelle Dienste und Hilfsmittel nutzen

Je nach Pflegesituation und Pflegegrad ist auch die Einbindung der Pflegeprofis eines ambulanten Pflegedienstes sinnvoll, sofern der nicht wegen Behandlungspflege bereits eingebunden ist.

Neben unseren fallspezifischen Beratungsangeboten wie dem vorgeschriebenen Beratungseinsatz beim Bezug von Pflegegeld existiert eine Vielzahl von allgemeinen Beratungsangeboten.

  • Viele Pflegekassen unterhalten heute bereits ein umfangreiches Angebot an Beratung. Einige Krankenkassen bieten sogar Pflegeschulungen für pflegende Angehörige an. Bietet die Pflegekasse des pflegebedürftigen Angehörigen (oder Ihre eigene!) eine solche Schulung an, sollten Sie diese wahrnehmen. Sie erlernen dort meist wichtige Grundlagen, praktische Umsetzung vieler typischer Aufgaben aber bei den meisten Angeboten aber auch Entspannungstechniken, wie sie Überforderung frühzeitig erkennen und wer Ihre möglichen Ansprechpartner sind.
  • Kommunale Beratungsstellen und Seniorenbüros
  • Pflegestützpunkte
  • Einrichtungen für Kurzzeitpflege, Tagespflege, Verhinderungspflege
  • Selbsthilfegruppen
  • Altenzentren

Besonders die Pflegeschulungen für pflegende Angehörige sind ein in der Praxis unterschätzter Baustein die Lebens- und Pflegesituation zu verbessern. Wer ohne Schulung plötzlich nach einem Krankenausaufenthalt mit nur wenige Stunden vorher angekündigter Entlassung nach Hause in die Pflege gerät, beginnt ohne das nötige Rüstzeug. Der Umgang mit demenziell veränderten Menschen überfordert viele Angehörige selbst bei kurzen Besuchen. Wer diese pflegt, braucht speziell zugeschnittenes Wissen, welches man unter anderem bei diesen Schulungen erhält. Aber auch grundlegende Techniken, wenn Sie beispielsweise die Grundpflege Ihres Angehörigen selbst durchführen.

Wichtiger Baustein ist auch die professionelle Entlastung pflegender Angehöriger

Wer pflegebedürfig ist und einen Pflegegrad zwischen 1-5 aufweist, hat das Anrecht auf einen finanziellen Betrag zu Entlastung. Dieser ist in Situationen in den Angehörige pflegen auch ausdrücklich mit für die Entlastung pflegender Angehöriger gedacht. Unser Leistungsangebot umfasst auch Leistungen, welche die Entlastung von Angehörigen in der Pflege unterstützen sollen.

Mehr Informationen finden Sie bei unserem Angebot zur Entlastung pflegender Angehöriger.

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